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WAS IST TRANSMEDIA STORYTELLING?

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Ein Ansatz nicht nur für Drehbuchautoren

5. JUNI 2018/SEB HOFMANN/#STORYTELLING

Die Grundregeln des Storytellings

Eine Story zeichnet sich dadurch aus, dass der Held am Anfang auf seine Reise geschickt und am Ende eine Wandlung durchlebt haben wird. Story ist bei dieser Reise das große Ganze und der Plot besteht aus einzelnen Elementen, aus denen sich die Story zusammensetzt. Diese Erzählweise funktioniert aber immer nur dann, wenn man die Handlung von Anfang bis Ende verfolgt.

Es ist die klassische Form des Storytellings, die in sämtlichen Bereichen des Geschichtenerzählens erfolgreich angewendet wird, so auch bei TV-Serien. Werden Fernsehserien auf diese Art und Weise erzählt, so steht die Story allein im Drehbuch.

Abgesehen davon, braucht man natürlich noch überzeugende Charaktere, mit denen sich der Zuschauer identifizieren kann, die er sympathisch findet oder die zumindest interessant genug sind, dass er wissen will, wie es mit ihnen weitergeht.

Bis hierher habe ich sicher nichts Neues erzählt. Alles ist bekanntes Handwerkszeug. Doch wie oft hat man es selbst schon erlebt, dass man sich mit einem Charakter auch über die eigentliche Story hinaus identifiziert und mehr über die Storyworld, die Welt, in der sich dieser befindet, wissen will. Authentische Charaktere mit Seele können so schnell zu Marken mit ungeahntem Potenzial werden. Dem Autor des Drehbuchs, des Romans oder schlicht der Geschichte kommt es oft entgegen, dass er sich diese Sachen gar nicht zusätzlich ausdenken muss. Meist hat man sich Charakterisierungen und Hintergrundstorys bereits für das Schreiben des Hauptwerkes überlegt. Dieses zusätzliche Material hat es dann aber aus verschiedenen Gründen nicht in die Geschichte hinein geschafft, doch für andere Medien kann es dennoch nützlich sein.

Vom Storytelling zum Transmedia Storytelling

Was wäre also, wenn man sich diese Dinge zunutze macht? Gerade bei TV-Serien, in denen Helden in jeder Episode neue Abenteuer erleben, bietet es sich an, die Gesamtstory für verschiedene Zugänge zu den einzelnen Plotelementen zu öffnen.

Für mein Projekt „Frogs“, das ich ursprünglich an Amazon Studios pitchen wollte, habe ich mich für genau diesen Ansatz entschieden. Die Story ist an verschiedenen Punkten für andere Medien geöffnet, um die Möglichkeit zu schaffen, dass der Zuschauer mehr über die Storyworld und die handelnden Charaktere erfahren kann.

Die Serie spielt teilweise in einem Froschdorf im tiefen Wald. Ich kann mir ziemlich gut vorstellen, dass ich als Zuschauer dieses Froschdorf gern einmal besuchen wollen würde. Zumindest ist es mir als Kind beim Dorf der Schlümpfe so gegangen. Mittlerweile habe ich es geschafft, es dank Google zu finden (www.smurf.com). Dieses virtuelle Schlumpfhausen ist ein Paradebeispiel für transmediales Erzählen. Es muss also nicht der große Themenpark sein, auch wenn ich gern einmal durch Springfield laufen würde, denn auch Projekte mit überschaubarem Aufwand können ein besonderes transmediales Erlebnis bescheren.

Ebenso ist es möglich, fiktionale Elemente in die echte Welt zu übertragen, um damit die Grenze zwischen Realität und Fiktion zu verwischen. So zum Beispiel in „Breaking Bad“: www.savewalterwhite.com

Auch ich wollte mehr über den Charakter Saul Goodman aus „Breaking Bad“ wissen und wurde selbst aktiv. Ich habe dann rausgefunden, dass eine TV-Show namens „Better Call Saul“ produziert werden sollte. Mit dieser Information konnte ich das Serienfinale von „Breaking Bad“ besser verarbeiten und gleichzeitig den Start des Spin-Offs kaum erwarten.

Man kann aber auch noch darüber hinaus gehen und die Grenzen zwischen Fiktion und Realität noch weiter verschieben, indem man den Zuschauer mit dem Protagonisten interagieren lässt. Möglichkeiten stehen reichlich zur Verfügung, beispielsweise durch Social Media, E-Mail, SMS oder auch Telefonanrufe. Ein solches Element habe ich übrigens in meinem demnächst erscheinenden Roman „Froschperspektive“ eingebaut.

Wie an diesen Beispielen deutlich wird, ist die Idee ebenfalls alles andere als neu. Im Gegenteil, es ist mittlerweile üblich, dass man die Story zumindest im Internet weitererzählt. Dort kann man dann Material unterbringen und nutzen, das man mühsam für das Hauptwerk vorbereitet hat, das es aber dort nicht hineingeschafft hat. Infrage kommen: Vertiefte Charakterisierungen, Vorgeschichten oder auch Handlungen über das aus dem Drehbuch bekannte Umfeld hinaus. Dies ermöglicht den interessierten Zuschauer, sich noch mehr mit den Charakteren auseinanderzusetzen und zu identifizieren.

Es geht also nicht um plumpe Werbung, auch nicht um reißerische Anpreisungen darüber, wie gut das Hauptprodukt ist, sondern darum, dem Zuschauer einen Mehrwert zu bieten, um eine dauerhafte emotionale Bindung aufzubauen.

Transmedia Storytelling kann somit helfen, eine Marke aus seinen Charakteren zu kreieren. Und genau da liegt das Potenzial dieser Erzählform.

Es eröffnen sich so auch Chancen für Kooperationen, sodass beispielsweise die Protagonisten nicht einfach bestimmte Produkte einer Marke verwenden, sondern eine Geschichte parat haben, die eine emotionale Bindung zwischen Produkt und Zuschauer herstellt. Darüber hinaus werden die Charaktere auf diesem Wege auch selbst zur Marke. Es geht also um mehr als Kopfkissen und Tassen mit dem Gesicht des Helden.

Transmedia Storytelling in "Frogs"

Für „Frogs“ habe ich das wie folgt umgesetzt. Jede Episode bedeutet für den Helden Gerry ein kleines oder auch großes Abenteuer mit Hindernissen, Fallstricken, Freundschaften und Bösewichten, das er allein oder gemeinsam mit anderen meistern muss. Jede Episode ist für sich abgeschlossen, doch bilden alle zusammen ein großes Abenteuer: die Story. Jede Episode hat zudem eine eigene Lehre bzw. Moral. Themen sind beispielsweise: Umweltschutz, Verschwendung, Oberflächlichkeit, Freundschaft und Familie. Darüber hinaus, gibt es noch eine storyübergreifende Botschaft.

Die Abgeschlossenheit der einzelnen Abenteuer bieten sich an, genau an diesen Stellen die Story für andere Medien zu öffnen. Bei „Frogs“ ist es also möglich, später in die Story einzusteigen. So kann der Zuschauer durch ein anderes Medium zu einem einzelnen Abenteuer, das Gerry bestehen muss, geführt werden, ohne auf Inhalte vorheriger Episoden zurückgreifen zu müssen.

Ich stelle mir vor, dass man für „Frogs“ das Froschdorf als virtuelle Welt im Web oder Mobil nachbaut und den Zuschauer die Möglichkeit gibt, seine Lieblingscharaktere zu besuchen. Transmediales Erzählen kann dem Zuschauer also die Möglichkeit geben, die Storyworld auf verschiedenen Wegen oder mit verschieden Charakteren zu erleben.

Transmedia Storytelling als interaktives Erlebnis

Doch Transmedia Storytelling kann noch mehr, denn wie bereits angedeutet wurde, ist es keine Einbahnstraße vom Hauptmedium zu den anderen Medien. So auch in meinem Beispiel hinsichtlich „Breaking Bad“ und „Better Call Saul“. Ich als Zuschauer bin aktiv geworden und habe selbst gezielt nach weiterem Content gesucht. Es ist also möglich, dass Zuschauer nicht über die Hauptstory zu anderen Medien kommen, sondern auch umgekehrt von den Sekundärmedien zu Elementen der Hauptstory.

Das Maß an Interaktion mit Medien außerhalb der Story hängt natürlich stark von der Zielgruppe ab. Aber auch wenn der Zuschauer aktiv ist, bleibt es Aufgabe des Autors, die Geschichte am Leben zu erhalten und nicht passiv zu sein.

Ein nicht zu vernachlässigendes Element ist, dass man so auch direktes Feedback vom Publikum bekommt. Es ist möglich, dass das Publikum Ideen liefert, an die man bisher nicht gedacht hat und die die Story in eine andere Richtung lenken können. Solches Feedback kann wertvoll sein für die weitere Stoffentwicklung, sodass man sich dem direkten Feedback nicht verwehren sollte.

Man muss sich also auf sein Publikum einlassen, genau wissen, wer Zielgruppe ist und welche Technologie für welche Zielgruppe geeignet ist. Entscheidende Faktoren können sein: Alter, Herkunft oder Interessen, und auch wie weit die Zielgruppe bereit ist, sich aktiv zu beteiligen. Doch sollte man sich auch bewusst sein, dass die Story durch verschiedene Medien auch auf andere Zuschauer, außerhalb der eigentlichen Zielgruppe treffen kann. Man muss sich also auch fragen, wie diese nicht intendierte Zielgruppe auf das jeweilige Medium reagiert.

Die Zielgruppe entscheidet letztlich darüber, welche Technologien zum Einsatz kommen können, um die Story transmedial zu erzählen. Man sollte sich außerdem fragen, auf wie viele Plattformen man die Story verteilt oder ob man sich besser auf ein einziges sekundäres Medium konzentriert und wie viele einzelne Informationen man preisgibt oder ob man die Geschichte mehrfach erzählt.

So habe ich „Frogs“ zurückhaltender konzipiert, denn die potenzielle Zielgruppe ist recht jung und sollte nicht gezwungen werden, andere Technologien nutzen zu müssen, um die Storyworld komplett zu erfassen. Dies steht aber nicht im Widerspruch dazu, Anreize zu schaffen, dass auch diese Zielgruppe andere Technologien ins Auge fasst, um „Frogs“ transmedial zu erleben.




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