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STORYTELLING UND DER FAKTOR MENSCH

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Die Verknüpfung zwischen Ereignissen und Emotionen

15. JULI 2018/SEB HOFMANN/#STORYTELLING

Bei jedem Text ist die entscheidende Frage: Wie erreiche ich den Leser? Es wird immer Publikum geben, das sich bereits von den Handlungsorten oder der schlichten Aneinanderreihung von Ereignissen berührt genug fühlt, das sogar enttäuscht wären, blieben erwartete Muster unerfüllt. Doch das alles macht noch keine Story, die beim Publikum ankommt und hängenbleibt. Wie kann man also mit seiner Geschichte zum Leser durchdringen?

Jeder von uns kennt Orte, Musik oder auch nur Gegenstände die er mit Personen, einem Glücksmoment, Panik oder einem Unglück verbindet. Diese Erinnerungen können bis in die Jugend oder frühe Kindheit zurückreichen. Die Einschulung, der erste Kuss, das erste Mal oder der erste Schwangerschaftstest. Alles starke, aber universelle Ereignisse, die für sich allein wenig aussagen. Angereichert mit individuellen und persönlichen Erlebnissen ist die Wirkung schon eine ganz andere. So verknüpft reicht es aus daran zu denken oder erinnert zu werden, um Emotionen hervorzurufen. Dies kann dazu führen, dass man Orte oder Dinge bewusst meidet und Erinnerungen verdrängt. Denkt man sich aber die Verknüpfung weg, verkommt alles zur austauschbaren Kulisse oder zum schmückendem Beiwerk einer Story.

Doch wenn etwas austauschbar ist, sollte man überlegen, ob man es nicht besser ganz weglässt. Trägt das Umfeld nichts zur Handlung bei und könnte man die Story auch ohne Auswirkungen in die Spalten einer Einkommenssteuertabelle hineinstellen, dann muss dieses Beiwerk nicht näher beschrieben werden. Eine Landschafts- oder Ortsbeschreibung, mag sie noch so bezaubernd oder bizarr sein, gerät direkt ins Vergessen, wenn man sie nicht mit einem emotionalen oder zumindest menschlichen Ereignis verbindet. Ohne Verknüpfung verkommt die Geschichte sonst zu einem Reiseführer, den keiner lesen will.

Wie erreicht man diese Verknüpfung?

Ganz einfach: Storytelling verlangt das der Faktor Mensch, und nicht der Ort oder der Gegenstand, im Mittelpunkt steht. Wir wollen Menschen lieben, hassen, versagen und unüberwindbar geglaubte Hürden meistern sehen. Wir wollen Tränen, Verzweiflung und Freude. Wenn man jemanden nach der prägenden Szene in Patrick Süßkinds Roman „Das Parfum“ fragt, fällt meist spontan die Antwort: „Die Geburt“. Das liegt nicht daran, dass diese Szene am Anfang steht, sondern weil in diese literarische Geruchsbelästigung ein menschliches Ereignis und die Gefühle der Mutter eingeflochten sind.

Was ist der Faktor Mensch?

Vorab: Ich meine nicht diesen auf allen Kanälen gepredigten oberflächlichen und völlig falsch verstandenen Menschlichkeits- und Authentizitätsschwachsinn, mit dem die eigene rumgeprotzte Großartigkeit kaschiert werden soll. Die Form Ratgeber, die nur die Unglaublichkeit des Autors betont. Der menschliche Faktor ist gezeichnet von Wahrheit und Fehlbarkeit. Wir wollen aus Erfahrungen lernen, aus einer Sicht auf die Welt, die keinesfalls richtig, aber in jedem Fall,die des Autors sein muss und auf seinen persönlichen Erfahrungen beruht.

Erfahrungen sind, wenn sie ehrlich wiedergegeben werden, immer mit menschlichen Fehlern verbunden. Genau da liegt der wahre und persönliche Kern der Sache. Es geht eben nicht darum die perfekte Lüge zu erzählen, sondern die fehlerbehaftete Wahrheit. Es geht nicht um Selbstbeweihräucherung der eigenen oder gar übertrieben dargestellten Leistungen und auch nicht ums Kokettieren. Es geht darum ehrlich zu sich selbst zu sein, über sich nachzudenken und diese Fehler und Erkenntnisse in seinen eigenen und persönlichen Text einfließen zu lassen. Doch dies setzt Mut voraus und die Fähigkeit Verletzlichkeit zuzulassen.

Bei jeder guten Geschichte warten wir auf den menschlichen Fehler. So auch bei der Lagerfeuergeschichte, dem Schwank aus der Jugend oder der Armeezeit. Wir lieben Anekdoten. Erzählen wir solche, sind wir schon per Definition verpflichtet, das Menschliche hervorzuheben, denn das ist, was die Zuhörer wollen und fesselt. Verweigern wir unserem Publikum Offenheit, Selbstironie und Verletzlichkeit, und damit die Wahrheit, bleibt die Geschichte flach und wir können sie uns sparen.

Lenke vom Handelnden ab, um die größte Wirkung zu erreichen!

Das wirkt auf den ersten Blick paradox, aber lass es mich erklären. Ein guter Handlungsort und eine starke Handlung deines Charakters ist nur der Beginn der emotionalen Reise des Lesers. Geschieht etwas, hast du seine Aufmerksamkeit. Doch damit ist es nicht vorbei, denn es ist nicht die Aktion, sondern die Reaktion der anderen Charaktere. Es ist nicht die Großzügigkeit, sondern die Reaktion des Beschenkten, nicht der Schlag ins Gesicht, sondern die Reaktion der anderen Familienmitglieder am Tisch.

Auf diese Weise erzeugt man die nötige Außenwirkung, schafft Potenzial für Konflikte, denn der Protagonist kann sein Handeln jetzt nicht mehr für sich behalten. Man macht ihm damit das Leben schwer, doch um Spannung zu erzeugen, muss man möglichst die größten Hürden einbauen, um den Protagonisten nicht mit der naheliegenden Lösung durchkommen zu lassen.

So auch in Süßkinds Roman „Das Parfum“. Die Mutter wird nach der Geburt nicht vom Autor alleingelassen, sondern das Ereignis erregt die Aufmerksamkeit der Umstehenden und der Leser wird direkt mit ins Geschehen gerissen.

Der Faktor Mensch in Froschperspektive

Um alle beschriebenen Effekte auf die Spitze zu treiben, habe ich mich bei meinem Roman „Froschperspektive“ entschieden den Schritt des Weglassens und des Kürzens einzuschlagen. Ortsbeschreibungen sind auf das Nötige reduziert, dass sie lediglich der Handlung eine Basis geben auf der sie stattfinden kann. Der Leser weiß jederzeit, wo er sich gerade befindet, denn wenn Orte beschrieben sind, dann authentisch, wenn auch nicht malerisch. So bleiben sie abstrakt, austauschbar, und hätten zur Not auch weggelassen werden können. Nichts lenkt vom Handeln des Protagonisten ab. Der Leser wird somit gezwungen seine kleinen und großen Grausamkeiten des Alltags, den Egoismus des Protagonisten und das Spiel mit dem Feuer, über sich ergehen zu lassen.




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