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BE THE HERO OF YOUR ANTAGONIST

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WIE MAN EINEN GLAUBWÜRDIGEN BÖSEWICHT KREIERT, MIT DEM SICH DAS PUBLIKUM IDENTIFIZIEREN KANN.

20. JULI 2018/SEB HOFMANN/#STORYTELLING

Selbstverständlich liegt der Fokus einer Geschichte auf dem Helden. Das beginnt schon beim Plotten, deshalb unternimmt man alles, um diesen so mehrschichtig wie möglich zu gestalten, denn wie im wahren Leben ist niemand nur gut. Aber genauso wenig ist ein Gegenspieler nur böse. Auf den ersten Blick erscheint diese Erkenntnis völlig logisch und trivial, aber ich habe sie trotzdem in dem einen oder anderen Schreibratgeber vermisst, möchte deshalb etwas näher darauf eingehen und am Ende des Posts erkläre ich euch dann, wie ich das Problem gelöst habe. Zugegeben, mir ist es in beiden meiner Geschichten passiert, dass ich diesen wichtigen Punkt übersehen habe. Erst während der Überarbeitung von „Froschperspektive“ ist mir aufgefallen, dass der Gegner des Helden flach ist und damit die Story ins Wanken bringt.

Froschperspektive

Bei „Froschperspektive“ war ich so damit beschäftigt, den Gegenspieler negativ darzustellen, dass es mir völlig durch die Lappen gegangen ist, auch nur eine positive Eigenschaft zu erwähnen. Das kann besonders schnell passieren, wenn man den Gegenspieler anhand einer realen Vorlage erschafft, die man selbst nur äußerst verzerrt wahrgenommen hat oder wahrnehmen wollte. Damit überträgt man seinen subjektiven und unrealistische Eindruck auf die Story und infiziert sie mit der eigenen Engstirnigkeit. So ist es mir beim Manuskript zu „Froschperspektive“ ergangen. Die Geschichte hat an Tiefe verloren, da keine emotionalen Beziehungen unter den Figuren entstehen konnten. Aufgrund dieser fehlenden Vielschichtigkeit des Antagonisten, ist dieser auch nicht in der Lage, mit anderen Charakteren glaubhaft zu interagieren. Ich habe mir dadurch Steine in den Weg gelegt, da sich viele Zusammenhänge nicht mehr von selbst aus der Handlung ergeben haben, sondern Kunstgriffe notwendig wurden.

Frogs

Bei „Frogs“ war meine ursprüngliche Idee, die Storyworld so zu gestalten, dass Tiere und Menschen sich diese teilen. Dies führte aber zu einigen Problemen im Plot, sodass ich mich entschieden habe, ihn so zu ändern, dass nur noch Tiere in der Storyworld existieren. Auch wenn sie sich im Wesentlichen wie Menschen verhalten, bleiben es dennoch Tiere. War es also im ursprünglichen Plot noch der Mensch, der durch Gier den Lebensraum meines Helden bedroht hat, so ist es jetzt ein Tier und das führt mich schon zum ersten Problem.

Gib deinem Gegenspieler eine gute Seite!

Egal wie übel, böse, gierig, gnadenlos oder grausam der Gegenspieler ist, er braucht irgendetwas Positives, sonst bleibt der Charakter wie in meinem ersten Beispiel flach.

Nur in schlechten Geschichten sind die Schlechten nur schlecht und die Guten nur gut.

Jeder hat einen positiven Charakterzug. Wenigstens der Handelnde muss selbst davon überzeugt sein, dass er Gutes tut. In meinem Frogs-Beispiel war es zunächst der Mensch, der den Lebensraum des Helden und seiner Familie zerstört. Aus menschlicher Sicht ist es nicht schwer, eine Rechtfertigung dafür zu finden, selbst wenn der Lebensraum nur deshalb zerstört wird, um eine Autobahn oder ein Einkaufszentrum zu bauen. Und selbst wenn nicht einmal das der Fall ist, so kann man das Handeln des Gegenspielers zumindest als nachvollziehbar empfinden und verstehen, dass zumindest der Antagonist glaubt, das Richtige zu tun. Das Problem, das sich dadurch für mich ergibt, ist, dass ich noch immer nach einem gleichwertigen tierischen Ersatz für das skrupellose, aber für uns Menschen zumindest nachvollziehbare menschliche Handeln suche. Es fällt mir wirklich schwer, ein Tier zu finden, dem man ähnliche Züge verpassen kann.

Mach deinen Gegenspieler verletzlich!

Verstärken kann man die Sache noch, indem man seinen Antagonisten mit einer verletzlichen Seite ausstattet. Das hilft, die Motivation seines Handelns glaubhaft darzustellen. Genau wie der Hauptcharakter seine Beweggründe hat zu tun, was er eben tut, dürfen diese auch für den Bösewicht nicht fehlen. Er kann für eine Sache kämpfen, die sein Handeln erklärt und zumindest vor ihm selbst rechtfertigt. Auch wenn ich das Beispiel „Breaking Bad“ bereits in meinem letzten Post strapaziert habe, so ist gerade Walter White ein Vorzeigebeispiel für die Motivation, die aus Verletzlichkeit resultiert. Wir als Zuschauer verstehen, warum er so und nicht anders handelt, um sein Ziel zu erreichen. Wir können uns mit ihm identifizieren, wir fühlen mit und lassen ihm so einiges durchgehen, weil er es für seine Familie tut, bevor ihm die Krankheit die Möglichkeit dazu nimmt.

Jeder will ein wenig wie Walter White sein.

Aber Walter beginnt sich etwas zu lebendig zu fühlen, sodass wir als Zuschauer beginnen, ihn infrage zu stellen. Doch sind wir an diesem Punkt bereits so gefesselt von dem Charakter und der Story, dass wir trotzdem wissen wollen, wie es weitergeht. Das führt auch dazu, dass man den Zuschauer oder seine Leser dazu bringen kann, dass sie über ihre eigene moralische Haltung nachdenken müssen. Für das Publikum wird der Punkt kommen, an dem es feststellt, dass Walter Whites Moralvorstellungen sich nicht mehr mit den eigenen decken.

Ein Gefühl, das ich auch in „Froschperspektive“ erzeugen will, indem ich die Hürden der Kindheit des Protagonisten darstelle und sie übertrieben oft als Rechtfertigung für sein Handeln heranziehe. Auch hier erhoffe ich mir, dass der Zuschauer anfängt nachzudenken, ob der Protagonist seine Kindheit nicht zu sehr als Ausrede bemüht und überlasse es einfach dem Leser, inwieweit er den Ausflüchten meines Antihelden folgt.

Lass deinen Gegenspieler deinen Helden an seiner empfindlichsten Stelle treffen!

In „Froschperspektive“ versuche ich diesen Effekt noch dadurch zu verstärken, dass der Held genau an der Stelle getroffen wird, wo er am empfindlichsten ist. Der Held ist ohne Vater aufgewachsen. Er leidet unter mangelndem Selbstbewusstsein und versucht dieses Fehlen durch eine harte Schale zu kompensieren. Hingegen erscheint ihm sein Gegenspieler als jemand, dem die Natur neben einer harten Schale sogar einen harten Kern gegeben hat. Der Antagonist belächelt den Helden und wirkt auf ihn souverän, selbstbewusst, wie ein richtiger Mann. Eben genau wie die Art Mann, die der Held gern sein möchte. Wenn jetzt beide noch um dasselbe Ziel kämpfen, ist der Konflikt perfekt.

Wie mache ich meinen Gegenspieler mehrschichtig und facettenreich?

Die Chance, dass sich der Zuschauer mit dem Charakter identifiziert und der Handlung weiter folgen will, steigt mit der Mehrschichtigkeit des Charakters. Das Problem ist aber, dass der Bösewicht für gewöhnlich keinen Charakterbogen hat. Der Antagonist durchläuft im Gegensatz zum Hauptcharakter keine große Wandlung. Seine Aufgabe ist es aber, zur Wandlung des Helden beizutragen. Er unterstützt ihn dabei zu werden, was er am Ende sein wird. Mein Held in „Froschperspektive“ entdeckt durch seinen Gegenspieler seine Härte und Männlichkeit und da es sich um einen typischen Antihelden handelt, stürzt er sich aufgrund dieser Entdeckung ins Verderben.

Be the Hero of your Antagonist!

Mit einem Trick kann man sich helfen gute Seiten besser aufzuspüren. Man stellt sich einfach vor, dass der Bösewicht vor Gericht auf der Anklagebank sitzt und sich für das, was er in deiner Geschichte getan hat, verantworten muss. Du bist sein Strafverteidiger und sitzt daneben. Es wird Zeit für das Schlussplädoyer und du als sein Anwalt hast das Wort. Egal wie erdrückend die Beweislage ist, egal wie sehr das Urteil schon feststeht, kein Verteidiger wird es an dieser Stelle des Strafprozesses versäumen, wenigstens auf die kleinste positive Sache über seinen Mandanten hinzuweisen. Irgendwas wird er sagen, dass das Gericht nicht unberücksichtigt lassen kann. Etwas Positives zu finden kann für deinen Antagonisten, genau wie für echte Angeklagte, schwierig werden. Aber sowohl der Richter als auch dein Publikum werden sich mit Handelnden eher identifizieren und mitfühlen, wenn er nachvollziehbare und sympathische Gründe gehabt hat, die ihn dazu gebracht haben, böse zu sein.



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