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SAVE THE FUCK!

save the fuck save the cat

Meine Erfahrungen mit "Save the Cat!" von Blake Snyder.

29. JUNI 2018/SEB HOFMANN/#STORYTELLING

Mit Struktur steht und fällt jeder Versuch mit dem Schreiben zu beginnen. Ob nun Kurzgeschichte, Roman oder Drehbuch, ohne einen vernünftigen Plot führt das geschriebene Wort nicht zum Ziel. Will man sich dem Thema nähern, stößt man auf unzählige Lehrbücher und sogar ultimative Lehrbüchern, die einem das große Ganze in höchstens 30 Tagen vermitteln. Wem das nicht schnell genug geht, findet sicher ein YouTube-Video, das die 3, 5 oder höchstens 10 Geheimnisse des Storytellings serviert. Die erste wirkliche Herausforderung, wenn man ein Buch schreiben und Autor werden will, besteht also darin ein vernünftiges Buch über das Schreiben zu finden.

Nach einigen Fehlkäufen bin ich bei den großen amerikanischen Lehrbüchern über das Drehbuchschreiben gelandet. Diese kratzen im Gegensatz zu so manchen heimischen Wie-schreibe-ich-einen-Roman-Ratgebern nicht nur an der Oberfläche und verzichten auf Themen wie Selbstorganisation und Marketingpläne für ungeschriebene Romane. Stattdessen dringen diese Bücher direkt zum Kern der Geschichte vor: dem Storytelling. Allen voran der Klassiker „Story“ von Robert McKee. Dieses Buch ist großartig, aber es erschlägt einem in seiner Ausführlichkeit, denn eigentlich will man doch endlich schreiben und nicht Theorie pauken.

Wenn man dann nach der Anfangseuphorie und den ersten gelesenen Seiten wieder etwas nüchterner auf seinen persönlichen Fortschritt schaut, fängt man an nach Abkürzungen, nach der Quick-and-Dirty-Methode zu suchen. Früher oder später landet man dann unweigerlich bei „Save the Cat!“ von Blake Snyder mit dem reißerischen Untertitel:

The Last Book on Screenwriting You’ll Ever Need

Blake Snyder Save the Cat!

Irgendein Autor hatte dieses Buch auf seiner Website wärmsten empfohlen und nur deshalb habe ich es bestellt und verschlungen.

Was ist das Besondere an "Save the Cat!"?

Beide Bücher vermitteln anschaulich universelles Grundlagenwissen, dass jeden der mit dem Schreiben anfängt, einen deutlichen Verständnisschub verschafft. Der Unterschied besteht darin, dass „Save the Cat!“ einen sehr strengen und formelartigen Ansatz verfolgt, den Robert McKee zu Recht ablehnt. Blake Snyder teilt eine Story in ein festes Schema ein – dem Beat Sheet-, das vorschreibt, an welcher Stelle was genau passieren muss. So und nicht anders!

Zunächst war ich von dieser leicht verständlichen Idee und von den knapp 200 Seiten „STC“ gefesselt und trotz der Tatsache, dass der Autor Blake Snyder bereits im Jahre 2009 verstorben ist, wächst das Merchandising um „Save the Cat!“ unaufhaltsam weiter. Angefangen bei Podcasts in fragwürdiger Audioqualität bis hin zu nicht gerade liebevoll programmierten Apps, doch selbstverständlich besitze ich das Meiste davon. Ich hatte geglaubt, endlich die geheime Weltenformel des Storytellings entdeckt zu haben. Ich fühlte mich erleuchtet, war aber nur verblendet. So sehr, dass ich begann in allem, sogar in meiner Morgenroutine, ein Save the Cat! Beat Sheet zu erkennen.

Was sollte man aus "Save the Cat!" lernen?

Ich hatte vergessen, was Blake Snyder eigentlich geschrieben hatte: nämlich ein Lehrbuch. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Definitiv kein schlechtes, aber definitiv auch nicht „The Last Book On Screenwriting That You’ll Ever Need“. „STC“ ist ein tolles Buch für den Einstieg, um das Plotten zu erlernen und um zu verstehen, wie eine Story funktionieren kann und als Anfängerbuch ist es auch wärmsten zu empfehlen. Blake Snyder bietet aber nur eine Möglichkeit an, die keineswegs das Patentrezept, wie eine Story funktionieren muss, darstellt. Das Buch vermittelt unterhaltsam Grundlagenwissen, auf das man weiter aufbauen kann, aber es verschont einen nicht, sich eigene Gedanken machen zu müssen. Die Einteilung der Story in ein Beat Sheet, dessen Beats zu festgelegten Zeitpunkten im Script kommen müssen, hilft Abstraktes klar und verständlicher erscheinen zu lassen. Es ist aber keine allgemeinverbindliche Schablone oder Geheimwaffe, die jede Geschichte perfekt macht.

Ich war geneigt genau das zu glauben, da die vielen anschaulichen Beispiele in den „Save the Cat!“ Büchern genau das vermitteln. Fakt ist aber, dass sich diese Beispiele immer auf ein fertiges Produkt beziehen. Auf einen Film, der einen langen Produktionsprozess durchlaufen hat, bei dem das Drehbuch nur einen Teil am Anfang des Prozesses darstellt. Wie das ursprüngliche Skript aussah, wissen wir dagegen nicht. Sicher ist nur, wenn man ein Drehbuch vom abgeschlossenen Film machen würde, hätte es kaum was mit dem Skript des Autors gemein.

„STC“ ist also nur ein möglicher Zugang zu einem Konzept, das bereits Aristoteles klar war, aber auch er hat mit seinem Werk „Poetik“ kein Buch darüber schreiben wollen wie man am besten einen Roman oder Drehbuch schreibt, sondern er hat die natürliche und damit die richtige Erzählweise des Menschen verdeutlicht.

Alles hat einen Anfang, einen Mittelteil und ein Ende. Alles bezieht sich aufeinander und alles ist miteinander verwoben. Verengt werden die Möglichkeiten die Story weiterzuentwickeln nur durch Logik, die dafür sorgt, dass die Geschichte einen eigenen Rhythmus bekommt. Schreibt man auf diese Art und Weise, wird man feststellen, dass Geschichten immer in ein Schema oder Beat Sheet passen.

Hat man dies verinnerlicht, hat man im Endeffekt alles, was man zum Schreiben braucht. Jedes Lehrbuch, mag es auch noch so gut sein, kann nur Unterstützung bieten und jedes Schema nur Orientierung. Übereinandergelegt unterscheiden sich die angebotenen Schablonen ohnehin nur in Bezeichnungen und Details, denn sie sind nur Modelle der natürlichen und menschlichen Erzählweise. Nicht alle erzählen auf den ersten Blick das gleiche, doch am Ende erzählen sie das gleiche immer nur etwas anders, denn sie machen nichts weiter, als Aristoteles Modell neu zu interpretieren.

Es ist unmöglich den Gedanken eines jeden Lehrbuchautoren zu jedem einzelnen Abschnitt der Geschichte zu verinnerlichen. Damit wird einem nur das eigene Denken abgenommen, dass wiederum der eigenen Kreativität hinderlich ist. Aber genau das habe ich gemacht, als ich anfing, meine ersten wilden Schreibversuche für „Froschperspektive“ in das Beat Sheet zu pressen. Ich war erstaunt und getäuscht, wie gut das Geschriebene in das Schema passte. Es war nicht ganz perfekt und auch nicht so richtig rund, aber dann verhält man sich eben wie jemand, der an Horoskope glaubt und sie sich ein wenig zurechtlegt. Ich habe mich und meine Geschichte treu ergeben dem Save the Cat! Beat Sheet unterworfen, Markierungen gemacht, Szenen verlängert und verkürzt, um dem Schema genauestens gerecht zu werden.

Was kann man nicht aus "STC!" lernen?

Ich hätte besser aus dieser Erfahrung lernen müssen, dass ich bereits den richtigen und natürlichen Rhythmus getroffen hatte, den „STC“ nur versucht zu systematisieren. Der Rhythmus sagt uns als Autor, ob wir schneller oder langsamer die Geschichte voranbringen, welche Informationen wir preisgeben, um Spannung zu erzeugen oder bisher Verborgenes zu offenbaren.

Anfang, Mittelteil und Ende, dazwischen gibt es für den Autor keine Regeln, erst recht keine Beats, die an bestimmten Punkten passieren müssen und nur die Kreativität einschränken. Es gibt nur die Regeln der Logik und des richtigen Rhythmus. Am besten wird es deutlich an einem Beispiel:

Paul und Paula verlieben sich ineinander auf den ersten Blick.

Alles ist möglich. Die Geschichte kann in sämtliche Richtungen gehen. Der Ausgang ist völlig offen.

In einem Flugzeug.

In unserem Kopf wird die Story klarer, wir überlegen uns, wie es weitergeht, und schließen Möglichkeiten aus.

Dessen Triebwerke gerade ausgefallen sind.

Womöglich ändern wir jetzt etwas den Rhythmus, da uns die Wendung zwingen könnte, nicht alles in epischer Breite zu erzählen.

Das Prinzip wird deutlich. Um die Geschichte weiterzuerzählen braucht es kein Schema, sondern Kreativität, gesunden Menschenverstand und ein Ziel. Für welche Problemlösung sich der Autor entscheidet, bleibt ihm überlassen, selbst wenn es die Naheliegende ist, die jedem sofort eingefallen wäre und den Protagonisten nicht gerade unter Druck setzt. Hauptsache man lässt sich durch Schablonen das Denken und die eigene Kreativität nicht ausschalten.

Kreativität wird auch nicht dadurch beflügelt, dass man sich massenhaft Skripte, Romane oder Filme reinzieht. Der reine, unreflektierte Konsum macht einen nicht kreativer, sondern man imitiert und am Ende ist die für grandios gehaltene Idee doch nur eine bewusste oder unterbewusste Montage des bereits Gesehenen. Kreativität und Originalität entstehen nur durch bewusstes Leben, Beobachtung und Reflexion und das alles geht am besten Abseits der Fernsehcouch.

Was ist die Lösung? Mach es doch einfach! Nimm dir Zettel und Stift und schreibe deine Geschichte auf! Schau dann wie sie auf dich wirkt, überarbeite sie, gib sie anderen Leuten, sei offen für Kritik und mach die Story so gut, wie du sie eben machen kannst. Erst als ich sämtliche Katzenspuren aus meinem Manuskript entfernt hatte, wurde alles wieder rund und ich habe angefangen zu experimentieren. Nur deshalb ist es beispielsweise in „Froschperspektive“ zu einer Szene gekommen, die nur aus wenigen Zeilen besteht. Versuche deine Geschichte zu spüren und zwänge sie nicht in ein Schema. Zu viel Theorie hält dich nur vom Schreiben ab. Lerne stattdessen aus Erfahrung, denn alles hat nur einen Anfang, einen Mittelteil und ein Ende; und damit ist alles gesagt.




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