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Die Hoffnung auf: Da geht noch etwas.

12. JULI 2018/SEB HOFMANN/#STORYTELLING

Am Ende eines jeden Schreibprozesses kommt man an den Punkt, an dem wirklich Ehrlichkeit in Bezug auf das eigene Werk gefragt ist. Nachdem ich bei meinem Roman „Froschperspektive“ den letzten Überarbeitungsdurchgang beendet hatte, dachte ich sofort darüber nach, noch einen definitiv letzten Durchgang anzuhängen. Aber hatte ich das nicht schon bei dem davor gesagt?

Wie viel ändert sich in solchen abschließenden Überarbeitungsdurchgängen eigentlich noch? Was hatte man in all den Stunden, in denen man jeden Satz einzeln zerpflückt hat, noch geschafft? War es womöglich nur Feinschliff für die B-Note oder hat man das, was man bereits zu Papier gebracht hat, sogar verschlimmert? Mir war wenig geblieben von der Freude darüber einen Roman fertiggestellt zu haben und was davon blieb, reichte nicht meinen verzweifelten Perfektionismus zu überwinden. Krisenstimmung.

Also habe ich weiter, immer wieder letztmalig, und nur dieses eine Mal noch, vor mich hinkorrigiert, bis ich mich dazu überwinden konnte, einen Lektor zu suchen. Nach dem Probelektorat war ich hin und weg von dem, was der Lektor aus meinem Text herausholen konnte. Doch da waren sie wieder: die Zweifel. Warum ist es mir nicht gelungen? Warum ist mir diese knackige Formulierung, das treffendere Wort oder prägnantere Beschreibung nicht eingefallen? Es ist doch mein Text. Wieder wollte ich nicht loslassen. Also zurück und ein letztes Mal noch den Text überarbeiten. Überhaupt. Macht ein Lektor den Text nicht nur dann besser, wenn man selbst wirklich alles gegeben hat? Kann er sich dann nicht leichter auf die wirklich schwierigeren Fehler konzentrieren?

Erneute Krisenstimmung. Soll ich den Text überhaupt einem professionellen Lektor oder gar der Öffentlichkeit zumuten? Ich kann nicht loslassen.

Um mich abzulenken hatte ich aufgeräumt. Ich habe Seiten aus meinen alten Notizbüchern ausgerissen und die Einträge aus meiner Notizenapp gelöscht und bin auf meine ersten Schreibversuche von vor über 2 Jahren gestoßen. Es gab gute Gründe die Datei mit einem Passwort zu versehen, doch als ich es erstellt habe, waren mir diese noch gar nicht bewusst. In der Datei befanden sich lieblos hingeschriebene Aussagen ohne Zusammenhang, Formulierungen, die ich einmal für wahnsinnig originell hielt, aber auch Provokationen, die im fertigen Manuskript nichts verloren haben.

Möchten Sie diese Datei wirklich in den Papierkorb verschieben?

Ja, ich will. Löschen ist keine große Sache, wenn es sich um private Aufzeichnungen handelt. Für Websites gilt hingegen der oft zitierte und völlig abgegriffene Satz:

Das Internet vergisst nie.

Doch in meinem Fall ist das wirklich so, denn ich habe die ersten größeren und zusammenhängenden Teile des Romans in der Blockchain veröffentlicht und die vergisst wirklich nicht. Die Blockchain zeigt mir immer wieder und für alle Ewigkeit, wo einmal alles begann und wo ich einmal gestanden habe.

Die Blockchain ist mein Mahnmal geworden.

Sobald man die ersten zusammenhängenden Sätze aus sich herausgequält hat, verleitet einen der Freudenrausch dazu, dass man jetzt unbedingt mit dem geistigen Ausfluss an die Öffentlichkeit gehen müsse. Man überschätzt seine handwerklichen Fähigkeiten maßlos, weil man viel zu wenig über das Handwerk selbst weiß. Schreiben ist eben doch nichts was einem in die Wiege gelegt wird. Schafft man es später über diesen Punkt hinaus, erkennt man, dass man besser geworden ist. Man erwacht, wenn man feststellt, was man alles nicht weiß und erstarrt bei der Erkenntnis, dass man am Anfang eigentlich gar nichts gewusst hat.

Im besten Fall führt diese Erkenntnis dazu, dass man weiter an sich arbeitet, im schlechtesten Fall erwacht man nie. Doch führt das Bewusstsein, dass man noch so viel Lernbedarf hat, auch dazu, dass man an seinen eigenen Fähigkeiten zweifelt und man vielleicht sein gegenwärtiges Können unterschätzt. Aber zu einem solchen Urteil über mich selbst bin ich gar nicht mehr fähig und ich sollte das auch nicht für mich entscheiden, sondern auf die Zeit nach der Veröffentlichung warten.

Alte Sachen neu zu entdecken ist immer ein Blick auf das eigene Leben und auf die eigenen Erfahrungen. Sie sind Zeichen des Fortschritts und der persönlichen und handwerklichen Weiterentwicklung, aber sie erinnern auch an Rückschläge. Man ist gewachsen am Feedback, das mir schwere Stunden und sogar schwere Wochen beschert hat. Alles in allem ist es die Erkenntnis, ewig unvollendet zu sein, die mich weiter antreibt, aber mir auch Hoffnung gibt. Die Hoffnung auf: Da geht noch etwas.




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