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ALLES HAT ZWEI SEITEN: GUT VS. SCHLECHT, WANT VS. NEED, KREATIVITÄT VS. ERWARTUNGEN

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Zu viel Gut ist schlecht, zu viel Schlecht nicht gut.

01. JULI 2018/SEB HOFMANN/#STORYTELLING

Im letzten Beitrag (Save the fuck! Meine Erfahrungen mit "Save the Cat!" von Blake Snyder) habe ich dafür plädiert, dass die Struktur einer Story nicht von einem Schema, sondern von zielgerichteter Logik und gesundem Menschenverstand bestimmt werden sollte.

Das ist auch die Grundaussage dieses Blogartikels, jedoch soll jetzt das Handeln der Hauptpersonen im Mittelpunkt stehen. Jeder Handelnde braucht einen Grundcharakter, der ihm eine Tendenz vorgibt. Damit aber die gesamte Persönlichkeit mehrdimensional, lebendig und keinesfalls flach wird, ist es notwendig, dass beispielsweise der Protagonist niemals von einem Charakterzug 100 Prozent hat und dieser nicht in Stein gemeißelt ist. Eine Möglichkeit die Persönlichkeit natürlicher zu gestalten, ist den Handelnden mit einer Mischung aus verschiedenen und entgegengesetzten Charaktereigenschaften auszustatten. Eine weitere Möglichkeit ist sich zu überlegen, welche gegenteiligen Auswirkungen die jeweilige Charaktereigenschaft mit sich bringt.

Das naive Mauerblümchen darf eben nicht nur ungeschickt sein, ausschließlich rosarote Liebe im Herzen tragen, und von den untreuen Männern immer nur ausgenutzt werden. Genauso kann aber der arrogante und unfassbar heiße Milliardär, der plötzlich in ihr Cupcake-Laden-Leben stolpert, nicht nur Bindungsängste und Unmengen an Geld haben. Das ist die eine Möglichkeit, bei der man seinem Charakter nicht zu viel eines Charakterzuges gibt.

Die andere wäre nach negativen Auswirkungen einer Eigenschaft zu suchen. So wäre es denkbar, dass Mauerblümchen wegen ihrer Gutmütigkeit nicht nur Menschen anzieht, die es ausschließlich gut mit ihr meinen, ähnlich wird es aber auch dem unwiderstehlichen Milliardär gehen.

Ein vielseitiger Charakter bereichert die Story.

In meinem Artikel, wie man einen glaubwürdigen Antagonisten kreiert, habe ich bereits angesprochen, wie und warum der Bösewicht eine verletzliche Seite verpasst bekommen sollte. Ich habe auch erwähnt, dass bei einer klassischen Heldenreise die Wandlung des Protagonisten das Wesentliche ist. Um diese glaubwürdig zu gestalten, kann man sich die hier besprochenen Werkzeuge zu Hilfe nehmen.

Beispielsweise kommt in meinem nächsten Roman, der keine Fortsetzung von „Froschperspektive“ sein wird, der narzisstische Protagonist nur deswegen einem großen Geheimnis auf die Spur, weil er nicht denselben Erfolg wie seine Frau hat und ihr diesen auch nicht gönnt. Vorteil oder Nachteil einer Eigenschaft sind also oft nur eine Frage des Blickwinkels.

Durch einen komplexen Charakter eröffnen sich neue Möglichkeiten den gesamten Wandlungsprozess des Protagonisten, und damit die Story, viel flexibler, aber auch glaubwürdiger zu gestalten, da Handlungen mit intrinsischen Motivationen untermauert werden können. Freud und Leid entstehen eben nicht allein durch Druck von außen und wirken sich auch immer individuell aus. Die Geschichte wird lebendig und was ebenso wichtig ist, jeder Schritt bleibt unvorhersehbar, wird aber nachvollziehbar. Anders gesagt, die Story ist logisch aus sich selbst heraus und einen Deus Ex Machina braucht es nicht.

„Need“ und „Want“

Im Storytelling wird zwischen „Want“ und „Need“ unterschieden. „Want“ stellt meist das offensichtliche Ziel dar, das der Charakter kennt und dem er nachjagt, wie sich beispielsweise den Milliardär zu angeln. „Need“ hingegen ist das im Inneren, was der Charakter über sich lernen und verstehen muss.

Die Hürden die die Figur daran hindern das „Want“ zu erreichen, sind Probleme außerhalb des Protagonisten, die er selbst kennt, wohingegen dem „Need“ meist charakterliche, emotionale, also innerliche, Schwierigkeiten entgegenstehen, die der Hauptcharakter noch erfahren muss.

Auf das Storytelling umgemünzt kann man grob sagen, dass das „Want“ den Plot und somit die Handlung vorantreibt, hingegen das „Need“ eher die emotionale Komponente der Story darstellt. Auf den Protagonisten bezogen ist „Want“ die Heldenreise und „Need“ seine Wandlung. Die Herausforderung besteht demzufolge darin, „Want“ und „Need“ elegant zu einer spannenden Handlung zu verknüpfen: Etwas das der Held für sich erreichen muss („Want“), mit einer allgemeingültigen Lehre oder Botschaft („Need“), die über die erzählte Geschichte hinausgeht.

In meinem letzten Artikel habe ich das Save-the-cat!-Schema bereits angesprochen. Autor Blake Snyder definiert das „Want“ als klar umrissenes Ziel, das der Protagonist durch ein auslösendes Ereignis (Catalyst) am Beginn des zweiten Aktes erreichen will. Das „Need“ wird in diesem Schema häufig in der dem Mittelpunkt vorgelagerten B-Story eingeführt und ist regelmäßig die Liebesgeschichte. Der Protagonist bekommt meist am Mittelpunkt sein „Want“ verliert es im weiteren Verlauf der Geschichte und hat dann die Chance zu erkennen, was er eigentlich will („Need“).

Aber man sollte seine Kreativität nicht in Schemata und feste Strukturen zwängen. Besser man hört auf sein Bauchgefühl, seinen gesunden Menschenverstand und die Gesetzte der Logik, denn nur so ist man offen für einfallsreiche und ungewöhnliche Ideen.

Man sollte deshalb die angesprochene Mehrdimensionalität, die zwei Seiten der Charaktereigenschaften und die Unterschiede zwischen „Want“ und „Need“ als Werkzeuge und nicht als Dogma verstehen, um die eigene Geschichte aus neuen Blickwinkeln zu betrachten und Dinge zu erkennen, die man vorher übersehen hat.

Ebenso wie wir uns bei Dialogen überlegen, ob jemand wirklich so reden würde, sollte man sich fragen, ob jemand wirklich so handeln würde. Im Laufe der Story muss der Protagonist entscheiden, ob er in seinem aktuellen Stadium ausharrt oder sich ändert. Das ist vielmehr eine Frage der Logik, der Story und dem, was der Autor am Ende sagen will, wenn er denn etwas sagen will, als des „Needs“.

Keinesfalls sind „Want“ und „Need“ so zu verstehen, dass „Want“ die Irrfahrt des Protagonisten darstellt und „Need“ als kaum kreativer Beleg dafür missbraucht wird, dass man natürlich auch als Autor von Anfang an Bescheid wusste, was der rechte Weg für den Protagonisten gewesen wäre, um die Erwartungshaltung des Publikums zu befriedigen. Es gibt keinen Grund den Lesern immer genau das zu geben, was sie wollen, nur um sich beliebt zu machen und Offensichtliches zu rechtfertigen.

Wenn also unser Mauerblümchen, nach langem Kampf gegen die Beziehungsängste, ihren ultraheißen Milliardär endlich überzeugen konnte und ihn dann doch verliert, so ergeben sich mit den beschriebenen Werkzeugen viel mehr als die naheliegende Möglichkeit, die Geschichte zu Ende zu bringen.




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