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FROSCHPERSPEKTIVE: ROMAN

Ein abgeliebter, zerschlissener kleiner Frosch aus Plüsch ist Ich-Ersatz, Sprachrohr und Gefühls-Ventil für den innerlich zutiefst verletzten Ronny: Was mit der Schilderung einer Kindheit in zerrütteten Verhältnissen zu Zeiten der niedergehenden DDR beginnt, entwickelt sich zu einer albtraumhaften Irrfahrt durch Ängste, Illusionen und Süchte, durch verhängnisvolle Obsessionen und durch ein komplexes Spektrum gelebter und ungelebter Emotionen.

Was ist, wenn uns unsere Fantasien, Sehnsüchte und Triebe einholen, nach und nach von uns Besitz ergreifen und schließlich unser Handeln steuern? Was geschieht mit uns, wenn wir dadurch nicht mehr selbst über unsere Gefühle und über unser Tun bestimmen können? „Froschperspektive“ ist ein dichter, temporeicher Roman über die tiefe menschliche Sehnsucht nach Liebe, Zuwendung und Geborgenheit – und über die Schmerzen, die Einsamkeit und Mangel an Mitgefühl verursachen können.

LESEPROBE

Gerd spricht aus mir. Er wartet bereits auf mich. Ein kleiner grüner Plüschfrosch mit gelben Füßchen und Händchen. Seine Ärmchen und Beinchen sind abgenäht, sodass sie an seinem niedlichen, klopsigen Körper schlackern. Egal, wie man ihn setzt oder wirft, er wirkt in jeder Position lässig, aber auch immer etwas betrübt. Sein Mund ist ein dünner, aufgenähter roter Faden, und seine Mundwinkel sind leicht nach unten gezogen. Gerd sieht aus, als wolle er meine Grundstimmung teilen und mich mit seinem verdrehten Blick aufheitern. Er hat eine gelbe Fadenschlinge als Locke, die sich zwischen seine grünen, treuen Augen schmiegt. Ich nehme die Locke ständig zwischen meine Lippen, denn ich liebe dieses beruhigende Gefühl am Mund. Der Waschzettel ist ausgefranst und verblasst, und die einzelnen Fasern von Gerds Plüschfell sind mit Schmutz zu einer dichten Schicht verklebt.

Doch gerade deswegen ist es für mich das schönste und vertrauteste Gefühl auf der Haut, seit Anbeginn meiner Erinnerung. Ich rede ausschließlich mit ihm über meine Probleme, und nur er kann unerträgliche Nöte in unerträglichen Momenten aussprechen. Er ist Sammelstelle meiner Tränen, Wiege meiner Sehnsucht, Sprachrohr meiner Wünsche und Ventil meiner Triebe, die nach Befriedigung lechzen. Ich kann Dinge sagen wie:
„Schau mal, der Gerdi war schon wieder ungezogen“, oder
„Gerdi hat schon wieder“ was auch immer gemacht, denn für ihn gelten keine Regeln, und trotzdem weiß Mutter, wer eigentlich gemeint ist.

Ich fühle mich von Gerd verstanden, und während in der Küche der Ofen warm wird, vertraue ich ihm an, was eben mit Mutter los war. Gerd ist das letzte Geschenk meines Vaters und das einzig Greifbare, was mir von ihm geblieben ist. Ich gebe Gerdi fast nie aus der Hand und würde ihn sogar mit in die Schule schleppen, wenn mir Mutter das nicht verboten hätte. Sie hält meinen Frosch für peinlich. Trotzdem spreche ich mit seiner Stimme, fühle ich mich sicher und stark, doch Mutter meint dann immer, bei mir sei etwas locker. Mit ihm im Arm traue ich mich, unschuldig, hilflos, kindlich und hin und wieder beschützenswert zu klingen. Er verkörpert meine schwächste und zugleich stärkste Seite, und ich wünschte, ich wäre wie er.

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SEB HOFMANN


Seb Hofmann wurde 1985 in Sachsen geboren, er studierte Jura, Politikwissenschaften und Kommunikation in Jena, Leipzig und Wien. Zudem absolvierte der Autor eine Schauspielausbildung und verfügt neben dem Zweiten juristischen Staatsexamen auch über einen US-Pilotenschein. „Froschperspektive“, seinen ersten Roman, schrieb Seb Hofmann 2017 als Pilger auf dem Jakobsweg in sein Tagebuch.

Bis auf die Pflichtlektüre in der Schule hat Seb Hofmann nach eigener Aussage noch nie einen Roman gelesen, allerdings verfasste er seit seiner Jugend Gedichte, Geschichten und auch Songtexte für seine Band. Seine Begeisterung gilt zudem Drehbüchern, deren komprimierte und aufs Wesentliche reduzierte Stilistik ihn fasziniert und bei seinem eigenen Schreiben inspiriert. Seb Hofmann lebt in Wien.

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